Never Mind

Die Luft roch nach Tau und nach dem Bremsstaub der Züge, die an ihm vorüber fuhren, hielten, Passagiere ein- und aussteigen ließen. 

Ich kriege dich.

Mit gesenktem Kopf hastete er in der Menge zum Ausgang, hielt die Tasche an sich gedrückt, den Blick nach innen gerichtet.

Ich finde dich.

Er hasste das Gedränge, hasste, wie die Leute ihn anrempelten, sehnte sich für den Bruchteil eines Moments zurück nach England. 

Sie drehte sich um. War er das? Er musste es sein. Hastig schlängelte sie sich an Gepäckwagen und Automaten vorbei, tauchte in den Fluss der Menschen ein und folgte ihm.

Wieder dachte er an das Papier, das zuhause auf seinem Schreibtisch lag, ganz unten im Stapel aus Rechnungen und ungelesenen Büchern. Ein Gedicht ohne Absender. Er dachte auch an das, was seine Frau gesagt hatte, über Stalker und über Menschen wie ihn. ‚Meinst du, wegen zehntausend Klicks bist du berühmt? Musstest du deinen richtigen Namen angeben? Du hast es doch darauf angelegt.‘ Ärgerlich machte es ihn, unruhig. 

Die Aufregung verdrängte das Gefühl, das seit Wochen an ihr nagte. Er hätte antworten müssen, sie ausfindig machen, sie wenigstens erwähnen müssen! Er war stehen geblieben. Ohne ihren Schritt zu verlangsamen senkte sie den Kopf und ging vorbei. Nicht grinsen, nicht lächeln, ihn nicht ansehen.

Er zupfte an seinem Ärmel und sah auf die Uhr. Die Zeit reichte noch aus, um sich etwas Essbares zu kaufen.

Bei den Bussen zögerte sie. Nahm er Linie 12 oder würde er die Strecke laufen? Sie trug einen Brief bei sich, vielleicht hatte sie Gelegenheit... „Pass doch auf, Bitch!“ Jemand stieß sie zur Seite. Miriams Beine fühlten sich ohnehin schon an, als wäre sie nach Wochen im Krankenhaus zum ersten Mal aufgestanden. Sie ließ sich auf die nächste Bank sinken. Warten. Wieder warten bis er kam. Tagelang hatte sie das getan, war den Kilometer durch die Stadt gelaufen um hier zu sein, war wieder zurück gewandert, wenn die Züge weiterfuhren, ohne ihn freizugeben. Und jetzt? Er würde fremd sein, businesslike. Anders als in seinen Videos im Internet, anders als in ihren Vorstellungen. Er würde niemandem in die Augen sehen. Wir alle brauchen Masken.

Verdammt. Er biss die Zähne zusammen. Der Kakao verbrannte ihm die Haut, die Aktentasche schlug beim Laufen gegen sein Bein. Nur noch ein paar Meter. Zwei, eins. Er knallte den Becher auf die Bank und schüttelte die Finger, um ihnen den Schmerz auszutreiben. „Entschuldigen Sie“, sagte er zu der Frau, die ihm gegenüber saß und ihn anstarrte. „Es war einfach zu heiß.“ 
Eine Sekunde lang bewegte sie sich nicht. Dann sah sie zu Boden. „Never mind, Andrew.“

Ein Sturm von Gedanken tobte in ihrem Kopf. Sie wollte aufspringen. Weg, weg, weg! Wie peinlich, so erwischt zu werden. Ihre Hände verkrampften sich auf den Knien. Weg! Aber kein Muskel bewegte sich.
Der Mann schwieg und schob den Becher zur Seite. Langsam ließ er sich auf die verwitterten Bretter sinken.


Sein Herz klopfte. Andrew. Der Brief. Das Gedicht. Die Anrufe ohne Nummer. War sie das gewesen? Es konnte andere Erklärungen dafür geben, dass die Frau hier seinen Namen kannte. Vielleicht war sie eine Schülerin, an die er sich nicht erinnerte.
Er lächelte. „Du kennst mich?“ 

Masken, dachte Sie. Nimm diesen falschen Blick weg.
„Nein.“ 

Einen Sekundensplitter lang sah sie seinen geöffneten Mund, als er unter ihr kam, schmeckte seine Haut, erinnerte sich an die Gefühle, an all die Erlebnisse, die er nie mit ihr geteilt hatte. 
„Nein, wir kennen uns nicht.“
Es schmerzte mehr als sie ertragen konnte.

Andrew regte sich nicht, sah ihr nur in die Augen, verwundert, durcheinander. Sie nahm seine Hand und strich mit den Fingerspitzen darüber.
„Never mind“, flüsterte sie. Dann stand sie auf und ging.