Hexensabbat

„Hexe.“ Melchior sprach es aus, als hätte er einen Zuckerstein im Mund, den er sorgfältig von einer Seite zur anderen wälzte. Er legte den Kopf schief. „Hexe“, sagte er noch einmal.
„Es wird nicht wahrer, wenn du es wiederholst, Hundepriester.“ 
Die Frau kniete vor ihm im Mist und starrte ihn an. 
Franz, der erste Gerichtsdiener, rammte ihr das Knie in den Mund, dass es knackte. „Hüte deine Zunge, Weib, wenn du mit dem Richter sprichst, oder ich werde sie dir herausbrennen!“, brüllte er.
Melchior wedelte mit der Hand, als verscheuche er Fliegen. Seine beiden Untergebenen ließen ihn und die Gefangene allein. Sie spuckte zwei Zähne ins Stroh, Blut lief ihr über die Lippen.
Missbilligend runzelte er die Stirn. Ein solches Wunder sollte nicht in einem Schuppen wie diesem hier geschehen. Er folgte dem Blick der jungen Frau über das Feuer der Schmiede hinweg zum Utensilienbeutel, dessen Inhalt die Schergen an der gegenüberliegenden Wand ausgebreitet hatten.
„Soll ich dir verraten, was man damit macht, Frau Agnes Scheer, Kindsmörderin von Köln?“ Mit einem Lächeln ging er hinüber und nahm die Zange zur Hand, das Metall glänzte im Feuerschein.
„Ich weiß, was das ist.“ Ihre Stimme klang heiser. 
„Hat man dir schon einmal die Fingernägel gezogen?“
„Sehen meine Hände etwa so aus?“
Wieder legte er den Kopf schief und betrachtete ihren rundlichen Körper, ihre gefesselten Hände.
„Du bist eine Hexe, wie weit reicht deine Macht? Verhindert sie Schmerzen? Kommt der Teufel dir zur Hilfe, wenn man dich aufknüpft? Wachsen dir Kiemen wie einem Fisch, wenn man dich im See ersäuft?“
Ungläubig stieß sie die Luft aus.
„Was glaubst du, wie viele Weiber in meinen Händen gestorben sind?“ Er packte sie an den Haaren und zog sie ganz nah an sich heran. „Was glaubst du, wie viele Kinder ich getötet habe, wie viele unschuldige Narren?“ Seine Stimme war jetzt nur noch ein Zischen an ihrem Ohr. „Jede Nacht habe ich zum Teufel gebetet, dass diese Farce ein Ende hat. Und endlich, endlich hat er mich erhört!“
Die Augen der Frau weiteten sich.
„Oh fürchte dich nicht, Agnes, wir sind Geschwister im Geiste! Zeig mir die Pforten zur Hölle, zeig mir die Tänze, die Rituale, die dämonischen Messen!“
Auf der Stirn der Gefangenen zeigten sich schmale Falten, ihr Blick war nach innen gerichtet, als hielte sie Zwiesprache mit ihrem Herrn selbst. 
„Versuch nicht, mir etwas vorzugaukeln, ich erkenne dich. Du bist die erste in all den Jahren.“
„Woher weiß ich, dass du die Wahrheit sagst?“, flüsterte sie schließlich und sah ihm in die Augen.